Im heutigen Talk widmen wir uns einem echten Dauerbrenner und einem Thema, das wohl in der Achterbahn-Community für genauso viele hitzige Diskussionen wie für schmunzelnde Gesichter sorgt: das Zählen von Achterbahnen, besser bekannt als „Counten“.
Vom unbeschwerten Parkbesucher zum Zahlenjäger
Hand aufs Herz: Niemand von uns wurde geboren und hat sich bei seiner allerersten Fahrt im Kinderland sofort eine Excel-Tabelle auf dem Smartphone angelegt. Bei den meisten fängt es völlig harmlos an. Man besucht als Kind oder Jugendlicher Freizeitparks, freut sich über den Kitzel im Bauch und genießt einfach den Tag.
Irgendwann kommt jedoch dieser eine Moment, an dem man feststellt, dass man schon ziemlich viele verschiedene Bahnen gefahren ist. Bei mir war es nicht anders: Aus der puren Freude am Fahren wurde plötzlich Neugier: „Wie viele unterschiedliche Achterbahnen bin ich in meinem Leben eigentlich schon gefahren?“
Und ehe man sich versieht, meldet man sich auf Plattformen wie Coaster-Count an, stöbert stundenlang in der Roller Coaster DataBase (RCDB) und beginnt, vergangene Besuche chronologisch zu rekonstruieren. Plötzlich bekommen Jubiläen eine ganz neue Bedeutung. Ich weiß noch genau, wie großartig sich damals das Gefühl angefühlt hat, mit dem Megacoaster Goliath (Rides #100) im Walibi Holland die allererste Hunderter-Schallmauer zu durchbrechen! Über die Jahre reihten sich dann immer mehr unvergessliche Meilensteine aneinander: Ob mein 300. Count mit dem urigen Ziegelblitz (Rides #282) im Jaderpark oder der legendäre Moment im letzten Sommer auf der UK-Tour mit dem FKF, als ich bei The Big One in Blackpool Pleasure Beach die 400 vollmachen durfte. Inzwischen bin ich sogar schon über der magischen 500er-Marke angekommen, die ich pünktlich in dieser Saison mit der neuen Gerstlauer-Achterbahn 100% Wolf (Rides #373) im Plopsaland Deutschland feiern konnte – solche Momente brennen sich einfach fest ins Gedächtnis ein.
Doch genau an dieser Stelle fängt das Dilemma an: Was zählt eigentlich wirklich als Achterbahn?
Der ewige Glaubenskrieg: RCDB vs. Coaster-Count
Wer sich mit dem Thema intensiver beschäftigt, merkt schnell, dass es in der Szene zwei große Denkschulen gibt:
Die Puristen (Die RCDB-Linie): Hier gilt die strenge Definition: Eine Achterbahn benötigt eine Schienenführung, nutzt die Schwerkraft (Gravity) zur Fortbewegung und ist kein klassisches Rundfahrgeschäft. Powered Coaster werden zwar gelistet, aber alles, was zu sehr nach Spielplatz, Einschienenbahn oder Karussell riecht, fällt gnadenlos durchs Raster.
Die Sammler (Die flexible Coaster-Count-Linie): Hier gibt es unzählige Filter und Unterkategorien: Definable, Powered, Alpine, Butterfly oder gar Water Coasters. Jeder kann sich im Grunde sein eigenes Regelwerk zusammenklicken.
Und genau zwischen diesen beiden Polen tobt seit Jahren ein sympathischer, aber manchmal auch skurriler Glaubenskrieg in Foren und Facebook-Gruppen.
Die großen Grauzonen: Wo beginnt die Achterbahn?
Schauen wir uns mal die spannendsten Streitfälle aus der Praxis an, denen wohl jeder von uns schon einmal begegnet ist:
1. Der Sunkid Heege „Butterfly“
Man zieht sich mechanisch an einem Seil hoch, klinkt aus und pendelt in einer U-förmigen Schiene vor und zurück. Für die einen ist es ein glorifiziertes Spielplatzgerät, für andere ein astreiner Mini-Shuttle-Coaster. Und plötzlich findet man sich als gestandener Coaster-Fan zwischen tobenden Sechsjährigen wieder, nur um den Butterfly als Count abzuhaken!
2. Powered Coaster
Fährt auf Schienen, hat Kurven und Gefälle – wird aber kontinuierlich über Stromschienen angetrieben. Zählt ein Klassiker wie der Mack Powered Coaster (Bob Express, Alpenexpress) als vollwertiger Count? Die meisten zählen ihn mit, aber streng physikalisch gesehen fehlt der reine Schwerkraft-Aspekt.
3. Sommerrodelbahnen & Alpine Coaster
Hier scheiden sich die Geister gewaltig. Zählt ein moderner Wiegand Alpine Coaster auf Schienen? Und wie sieht es mit einer seltenen Einzelschienenbahn aus, wie ich sie euch von Brandauer am Erbeskopf (Rides #233) vorgestellt habe? Schwerkraft pur ist da – aber ist es eine Achterbahn im klassischen Sinne?
4. Zamperla Disk’O Coaster
Ein Paradebeispiel, über das ich erst kürzlich bei Die große Welle (Rides #351) im Plopsaland Deutschland geschrieben habe: Die Bahn hat eine Schiene, sie hat sogar einen Airtime-Hügel in der Mitte – bei Coaster-Count fällt sie unter Grauzone, in der RCDB existiert sie schlichtweg nicht, da sie technisch als Flatride gewertet wird. Zählt ihr sowas mit?
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| Foto: 10. September 2023 |
5. Moderne Wildwasserbahnen mit Airtime-Hügeln (Chiapas & Co.)
Ein besonders heiß diskutiertes Phänomen der letzten Jahre: Was passiert, wenn eine traditionelle Wildwasserbahn plötzlich Achterbahn-Elemente spendiert bekommt? Paradebeispiel hierfür ist Chiapas - DIE Wasserbahn (Rides #107) im Phantasialand. Nach der steilsten Abfahrt einer Wildwasserbahn weltweit schießt das Boot über einen echten Camelback-Hügel mit spürbarer Airtime. Für die RCDB bleibt es ein klassischer Log Flume ohne Schienenbindung. Auf Zählplattformen wie Coaster-Count hingegen entbrennen regelmäßige Grundsatzdebatten: Reicht so ein kleiner Schwerkraft-Hügel aus, um aus einer Wasserbahn plötzlich einen vollwertigen „Water Coaster“-Count zu machen? Wer hier nicht aufpasst, hat auf einmal jede Menge Flumes in seiner Coaster-Liste stehen!
Zählwahn vs. Fahrspaß: Die Gefahr der Zahl
Es gibt Tage in Parks, da ertappt man sich selbst bei einem gefährlichen Gedanken: Man steht in einem Weltklasse-Park vor einem absoluten Meisterwerk – sei es Katun, Taron oder Voltron – und überlegt kurz: „Fahre ich das Ding jetzt zum vierten Mal mit einem breiten Grinsen im Gesicht, oder laufe ich ans andere Ende des Parks, um mich 45 Minuten für einen wackeligen Kiddy-Wurm anzustellen, nur damit am Abend eine Zahl mehr auf der Uhr steht?“
Wenn die Jagd nach der Zahl den echten Fahrspaß verdrängt, läuft etwas schief. Ich habe für mich über die Jahre gelernt, dass eine gesunde Portion Selbstironie die beste Medizin ist. Natürlich freue auch ich mich über jeden neuen Count, den ich auf Reisen einsammeln kann – egal ob gigantischer B&M Hypercoaster in Florida oder kleine Familienbahn in Italien. Aber die Zahl sollte immer nur eine schöne Erinnerung an erlebte Abenteuer sein, niemals eine Pflichtaufgabe.
Meine persönliche Faustregel
Ich halte es für mich mittlerweile ganz pragmatisch: Auf meinem Konto trage ich grundsätzlich erst einmal alles ein, was mich Coaster-Count auch eintragen lässt – die Plattform bietet schließlich all diese Optionen und Kategorien an.
Gerade bei Disk’O Coastern oder Wildwasserbahnen sehe ich das Ganze persönlich allerdings durchaus kritisch, da solche Anlagen für mich eigentlich ganz klar unter eine andere Attraktionskategorie fallen. Am schönsten und ehrlichsten ist für mich am Ende des Tages deshalb immer der gezielte Blick auf die „reinen Achterbahnen“. Aber genau das ist das Schöne an diesem Hobby: Am Ende muss man sich vor absolut niemandem rechtfertigen. Jeder darf zählen, was einem selbst gefällt – es ist euer Hobby und eure ganz persönliche Statistik!
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| Foto: 9. April 2017 |
Nun seid ihr gefragt:
Wie handhabt ihr das Thema? Seid ihr strikte RCDB-Puristen oder nehmt ihr vom Kiddy-Coaster bis zum Butterfly alles mit, was nicht bei drei auf den Bäumen ist? Zählt ihr Wasserbahnen wie Chiapas mit Camelback als Achterbahn? Was war der skurrilste oder peinlichste Count, den ihr je mitgenommen habt?
Schreibt es mir wie immer gerne in die Kommentare!


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